Sonntagszeitung Ruedi Berner

Die Hasliebe des Ruedi B.

Chocolatier Berner fertigt seit fünfzig Jahren Osterhasen – und hat ihnen sogar ein kleines Museum gewidmet

Chris Winteler (Text)
und Stefan Bohrer (Fotos)

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Ruedi Berner ist sich sicher: «Als ich auf die Welt kam, war mein Vater am Hasenmachen, garantiert.» Denn zwischen Januar und Ostern werden im Hause Berner in der Altstadt von Rheinfelden AG seit 1946 unter Hochdruck Osterhasen produziert. Der Geruch nach Schokolade strömt bis in die Kapuzinergasse. «Ich war eine Hausgeburt», erzählt Ruedi Berner, «mit diesem Duft bin ich ab der ersten Sekunde aufgewachsen.»
Logisch beinahe, dass auch der heute 68-jährige Berner junior Osterhasen machte. Schon als Bub goss er seinen ersten Hasen, seit 50 Jahren sind die Langohren seine Spezialität als Chocolatier. Bis Ostern werden der Patron und seine fünf Mitarbeiterinnen 50000 Hasen gefertigt haben. Endspurt also, bis Gründonnerstag werde produziert, sagen die Frauen. Bis Karfreitag, wenn nötig auch Karsamstag, sagt der Chef. Denn der perfekte Osterhase müsse frisch sein, «frisch, knackig und glänzend».
Doch Berner weiss aus Erfahrung: Viele Kinder wollen ihren herzigen Osterhasen nicht töten. Oft würden diese erst am Pfingstmontag, wenn der Kühlschrank leer ist, gemetzget. «Und die Kinder gewöhnen sich so an ranzige Schokolade.» Das kann der Chocolatier nicht befürworten. Vor allem den Weissen müsse man so- fort essen. Und nie, nie soll man einen weissen Osterhasen aus dem Schaufenster kaufen, «die sind extrem heikel». Gehts ans Essen, bricht man dem Hasen korrekterweise zuerst die Ohren ab, so der Fachmann. Wolle man jedoch die Aufmerksamkeit der Tischrunde, zertrümmert man ihn in Einzelteile – «das Entsetzen ist gross, versuchen Sie es mal».
Der Renner ist der Sitzhase, der «Lachi»-Hase holt aber auf
An der Wand der winzigen Scho koladenfabrik hängen die Bestellungen, Berner beliefert Confiserien in der ganzen Schweiz. Das kleinste Häschen wiegt 16 Gramm, der grösste Rammler ist zwei Kilo schwer und kostet je nach Ausstattung ab 100 Franken. Vegan oder bio, «wir haben alles», sagt Berner.
Eine junge Frau malt den Hasen liebliche Gesichter, klebt Zuckereili ins Körbchen. Eine filigrane Arbeit. Ein abverheiter Hase fliegt zurück in die warme Schokolade.
Schminken, Dekorieren, Mäschchen anlegen… Sie mache eigentlich lieber Barockengel, sagt Daria Jetzer, weil die schön kompakt seien, ohne Chichi.
Im kleinen Verkaufsraum nebenan warten die Bestseller auf Käufer. Der Wanderhase mit Kratten am Rücken, der Schubkarrenhase und natürlich der Sitzhase, der beliebteste Hase überhaupt.
Die Nostalgiehasen seien gefragt wie eh und je. Aber der «Lachi»- Hase (ein gut gelaunter Brauner mit Disney-Einschlag) holt auf. Milchschoggi verkaufe sich nach wie vor am besten, «denn Ostern verbindet man mit der Kindheit, und mit Milchschokolade sind die meisten aufgewachsen».
Über 100 Osterhasen-Formen hat Berner im Sortiment. Osterhasen im FCB- oder FCZ-Trikot. Hase mit Natel am Ohr. Hase auf Skateboard. Der Osterhase macht jede Strömung mit. Vergangene Ostern sorgte ein Porno-Hase – ein sexy Bunny mit grossen Brüsten und roten Lippen – der Luzerner Confi- serie Bachmann für rote Köpfe. Berner selber hat ein «kopulierendes Hasenpaar», eine alte Gussform, im Angebot. Wollt ihr diese Hasen wirklich herstellen, habe er seine Mitarbeiterinnen vorab gefragt.
Selbstverständlich, antworteten die Frauen, der Hase, Symbol für Fruchtbarkeit – was gibts Natürlicheres als rammelnde Hasen? Die «Glüscht» seiner Kunden will Ruedi Berner vor allem mit neuen Geschmäcken befriedigen. Sein neuester Wurf sind Hasen mit Erdbeer- oder Mango-Aroma, in Rosa oder Gelb, ganz ohne künstliche Farbstoffe. Häschen Quintin ist gülden, «karamellisiert: meine Erfindung». Häschen Matcha ist waldgrün, das Matcha- Grünteepulver gibt ihm einen herben Geschmack. Ob süss oder herb: «Machen wir uns nichts vor», sagt Berner, «Osterhasen bestehen aus Zucker und Fett, das kann man nicht schönreden.» Der Chocolatier streicht sich übers Bäuchlein, an Ostern und Weihnachten bringe er sein Maximalgewicht auf die Waage, «das ist Tatsache». Sein Tipp: Beim Spargel auf die Sauce hollandaise verzichten. Nein, Schoggi verleide nie. «Gute Schokolade mag man immer essen.» Und nach dem Süssen gönnt sich Berner gern ein «Herrgöttli», ein kleines Bier, «wir sind hier in Rheinfelden, der Bierhauptstadt der Welt».
Die Osterhasen sind längst schon motorisiert unterwegs
Im Haus vis-à-vis ist Berners Schokoladen-Museum untergebracht. Auf Anfrage führt er Gruppen durch das kleine Schokoladenreich. «Ich müsste mal aufräumen», sagt er selber. Regelmässig bekomme er, der Sammler, von Kollegen alte Gussformen geschenkt. Bis 100 Jahre alte Hasenformen aus verzinktem Eisenblech, später aus Chromstahl, stehen in der Vitrine. Der süsse Osterhase stammt aus Deutsch Für Erwachsene: Die rammelnden Schoko-Hasen land und setzte sich bei uns um 1900 als Confiserieartikel durch.
Anfangs waren die Häschen munzig, Schokolade war ein grosser Luxus. Die reichen Zürcher konnten sich im Sprüngli als Erste einen Osterhasen leisten. «Aber Achtung!», sagt Ruedi Berner, der Zuckerhase, meist rot, war vor dem Schokoladenhasen.

Roger-Federer-Hase aus den Dreissigerjahren mit seiner Häsin
«Hier haben wir den Roger-Federer-Hasen.» Tatsächlich, der adrette Hase trägt lange Hosen, Kra- watte, Mütze und hat ein Racket in der Pfote. «Ein Zeitdokument aus den 1930er-Jahren», erklärt Berner und stellt eine schicke Hasendame (Mirka?) im sehr kurzen Röcklein und mit Handtäschchen neben den Tennishasen. Übrigens waren die Langohren damals auch schon motorisiert: Ehepaar Has lieferte per Töff die Eier aus.
Auch Gussformen für Enten und Hühner stehen im Gestell. Haben Ente oder Glugge eine Chance gegen den Hasen? «Nein. Sie gehören einfach dazu», sagt der Fachmann. Samichläuse sind im Museum ebenfalls gut vertreten, Osterhasen aber mag Ruedi Berner lieber. Seine wahre Leidenschaft gehört jedoch den Engeln, er habe ein «breit aufgestelltes Engelsortiment». Der Chocolatier sucht nach einer Gussform aus Plastik, «voilà, der Putto-Engelkopf, meine Entwicklung». Bald gehe diese in Produktion – im Geiste sei er längst bei den Engeln.

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