Willisauer Bote

Ein Afrikaner kämpft für den Wandel

Dienstag, 24. Mai 2011 - Willisauer Bote | Wiggertaler Bote Nr. 41 (Seiten 5/6)

Willisau/Ghana | Yayra Glover folgte seiner Berufung und baute in Ghana ein Unternehmen auf – die Familie blieb in Willisau

Yayra Glover wollte einst nach dem Studium in der Schweiz an den Internationalen Gerichtshof in Den Haag, um sich dort für die Menschenrechte in Afrika stark zu machen. Heute führt er in seiner Heimat Ghana ein Unternehmen, das mit biologischem Kakao handelt.



Wenn sich Yayra Glover, 46, in Accra mit seinem Pick-Up durch die Blechlawinen kämpft, kommentiert er hinter dem Steuerrad das Treiben draussen vor dem Fenster pausenlos und pointiert. Afrikaner, erklärt er, liebten schöne Autos und darum hätten sie dieses Verkehrschaos. Dabei gehe es den Afrikanern vor allem um Status. Sie zeigten der Öffentlichkeit gerne, was sie besässen. In fast jedem dieser Offroader sitze jedoch nur ein Mensch, das sei Blödsinn, das sehe jeder, der Tag für Tag stundenlang im Stau feststecke.

Beim Anblick der vielen Strassenverkäuferinnen schüttelt der Schwarzafrikaner mit Schweizer Pass erneut den Kopf. «Alle Leute, die hier auf der Strasse ihren Lebensunterhalt mehr schlecht als recht verdienen, müssen in Fabriken auf dem Land Beschäftigung finden.» Hier in der Stadt gäbe es nicht für alle Arbeit und das Leben sei teuer. «Mit meinem
Projekt will ich die Landflucht eindämmen. Ich will das Übel an der Wurzel bekämpfen.»

Afrikas jüngster Ölstaat
Glover weiss, wovon er spricht. Er weiss, dass Ghanas Hauptstadt 1980 965'000 Einwohner zählte und heute über 2,5 Millionen. Nicht nur der Verkehr ist darum ein Problem oder fehlende Jobs, sondern ebenfalls die Luftverschmutzung und Abfallberge. Er weiss auch, dass das Leben hier jeden Tag teurer wird. Ghana fördert seit neuestem im Golf von Guinea Öl. Das Nachbarland Nigeria generiert aus dem Öl- und Gasgeschäft mehr als 80 Prozent seiner Staatseinnahmen.
Trotzdem lebt dort die Mehrzahl der Bevölkerung in bitterer Armut. Afrikas jüngster Ölstaat Ghana will es besser machen als der Nachbar. Inwiefern die Bevölkerung vom prognostizierten Wirtschaftswachstum von jährlich mindestens zehn Prozent profitieren wird, steht jedoch in den Sternen.

Im Kleinen Grosses bewirken
Yayra Glover – dies versteht, wer ihm zuhört – ist nicht nach Afrika zurückgekommen, um aufs Geratewohl sein Glück in Westafrika zu versuchen. Er ist zurückgekehrt, um im Kleinen etwas Grosses zu bewirken. Er hat hier seine Berufung gefunden. Als Unternehmer. Als Arbeitgeber. Als Brückenbauer. Als Chef eines Unternehmens, das sich auf den Handel mit Bio-Kakao spezialisiert hat und damit in Ghana eine Pionierrolle einnimmt. Ein Unternehmen vor allem auch, das den Bauern Bezahlung nach Fairtrade-Richtlinien garantiert und somit eine bessere und sicherere Zukunft in den Dörfern, in denen sie leben.
Doch wer sich an Glovers Fussfersen heftet, begreift schnell: In Afrika ein Unternehmen aufzubauen, ist kein leichtes
Unterfangen. Die Umstellung auf Bioqualität im Distrikt Suhum, 60 Kilometer nordöstlich von der Hauptstadt Accra, wo Glovers Firma seit 2007 langsam wächst – Ernte 2007: 200 Tonnen, Ernte 2009: 500 Tonnen – benötigt Zeit und Geduld. Rückschläge sind vorprogrammiert. Fast täglich muss Glover den beschwerlichen Weg vom Land in die Stadt zurücklegen, um Verhandlungen zu führen. Er und sein Team müssen Lieferengpässe ausbalancieren. Das grösste Augenmerk aber liegt zurzeit noch auf der Schulung der 4500 Kleinbauern, die auf ihren zwei bis drei Hektaren kleinen Agrarflächen auf biologischen Kakaoanbau umstellen und dabei Anleitung benötigen. Wichtig sei es für die Bauern, erklärt Glover, vor der Ernte einen Vorschuss zu erhalten, um über die Runden zu kommen und die Pflanzen zu pflegen. «Dafür müssen wir wiederum die nötigen finanziellen Mittel bereitstellen, was nicht einfach ist. Das Geschäft mit Kakao benötigt sehr viel Geld.»


Glover hat für sein Projekt Mitstreiter gesucht und gefunden: Die Innerschweizer Firma Max Felchlin AG, Hauptabnehmer der Bio-Kakaobohnen in Umstellung, finanziert die Schulung der Kleinbauern in den nächsten drei
Jahren mit einem Betrag von 200'000 Franken. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) arbeitet im Rahmen der
wirtschaftlichen Entwicklungszusammenarbeit eng mit dem Bio- und Fairtrade-Kompetenzzentrum von Helvetas zusammen, das Glovers Projekt ebenfalls mit 500' 000 Franken unterstützt.  Der Schweizer Hauptinvestor ist die
Zürcher Firma Pakka Trade AG, die sich auf den Import und Export aus Entwicklungs- und Schwellenländern speziali-
siert hat und dabei zertifizierte Produkte aus biologischem und fairem Handel bevorzugt.

Das Leben mit den Angestellten
Wenn Yayra Glover heute träumt, träumt er von Befreiung der Politik durch die Gesellschaft. Darum setzt er sich auch für die Ärmsten der Gesellschaft ein: die Bauern. Er lebt mit einem Teil seiner Mitarbeiter unter einem Dach auf dem grünen «Organic»-Hill in Suhum, seinem «little Switzerland». Im gleichen Haus befindet sich ebenfalls das Büro der Firma. «Solange die Mitarbeiter nichts Eigenes haben, rücken wir zusammen», sagt der Chef, im Gesicht das ihm eigene herzliche Lachen. Selber wohnt er so bescheiden wie seine Angestellten. In einem spartanisch eingerichteten Zimmer, in dem ein Schreibtisch, ein Bett und ein Büchergestell stehen. Wenn er ins Grübeln gerät, sucht und findet er bei den versammelten Philosophen im Büchergestell Rat und Halt. Die für ihn wichtigen Stellen in den Büchern hat er mit einem Leuchtstift hervorgehoben oder unterstrichen.

Das Studium in der Schweiz
Yayra Glover wusste schon in jungen Jahren, was er wollte. Der Sohn eines Lehrers, der bei seinem siebenköpfigen  Nachwuchs früh das Interesse am Lesen weckte, verlässt Ghana mit 27 Jahren.  1990 geht er als Austauschstudent in die Schweiz und wohnt als erstes bei einer Bauernfamilie in Gossau. Während dieser Zeit lernt er seine Ehefrau Sandra kennen. Mit ihrer Unterstützung beginnt er an der Uni Zürich ein Jura-Studium. Sein Deutsch ist mässig und er ist der einzige Schwarzafrikaner im Vorlesesaal. Doch das stört ihn nicht. Er ist hungrig, hungrig nach Wissen. Abends erläutert Sandra ihm jeweils die Textstellen, die nach den Vorlesungen unklar sind. Zusammen gründet das Paar eine Familie. Nach einiger Zeit kristallisiert sich heraus, welches Ziel er mit seinem Studium anvisiert. Er will sich für die Menschenrechte in Afrika stark machen, später in Den Haag am Internationalen Gerichtshof wirken. Also studiert er Politikwissenschaften, Internationale Beziehungen, Völkerrecht und Allgemeines Staatsrecht.

  Glover arbeitet als Dolmetscher, vor Gericht und für das Bundesamt für Migration. Er sieht, dass viele Afrikaner in der Schweiz Asyl beantragen, weil sie keine Perspektive in der Heimat sehen. Mit einigen führt er lange Gespräche. Sie sagen: «Mr. Glover, wir wissen, dass es besser wäre, wenn unsere Politiker für Arbeit im Land sorgen würden. Aber sie tun es nicht.» Ein anderes Mal füllt Glover in einer Distillerie in Willisau Zwetschgen in eine Maschine. Die meisten Leute, die mit ihm in der Fabrik die gleiche Arbeit verrichten, absolvierten kein Studium wie er. Sie wohnen auf dem Land und haben Arbeit, das imponiert ihm, dem Afrikaner. In Ghana gab es keine Fabriken auf dem Land, die den einfachen Menschen aus den Dörfern Lohn für Arbeit bieten.

Hoher Besuch in Willisau
Eines Tages dann klingelt es an Glovers Haustüre, er ist jetzt beinahe 20 Jahre in der Schweiz. Seine Tochter springt an die Tür und ruft: «Papa, da verlangen  schwarze Männer in schwarzen Anzügen nach dir.» In Willisau, wo Glover kein Unbekannter ist, denken viele, Kofi Annan  sei bei ihm auf Besuch. Doch der hohe Besuch ist in Wirklichkeit ein Minister, den Ghanas Botschafter in der Schweiz zu Glover gelotst hat. Der Minister will von ihm wissen, wie das  Gemeinwesen in der Schweiz funktioniert und wie es komme, dass die Bewohner auf dem Land hier auch ein Auskommen hätten.


Glover erklärt ihm das System Schweiz. Er schreibt für den Minister Energie-Konzepte. Er reist mit ihm nach Westafrika. Dem gleichen Minister wird es später gelingen, Glover davon zu überzeugen, dass sein Platz in Afrika ist. «Damit der Wandel in Afrika Wirklichkeit wird», braucht es Leute wie dich», sagt er. «Afrikaner, die ihr Wissen zurück in die  Heimat tragen.» Glover, der eine Doktorarbeit über die Anwendung der Menschenrechte in Afrika schreibt, erkennt, dass er sich für die Rechte der Menschen nicht nur in Den Haag einsetzen kann, sondern viel direkter noch in Ghana, in dem Land, wo seine Wurzeln sind, wo er die Verhältnisse und die Missstände  ebenfalls kennt. Seine Ehefrau Sandra –   die mit den vier Kindern Anja, Melanie,  Stina und Nic vorerst in Willisau zurückbleibt – versteht, dass ihr Ehemann kei-
nem Traum hinterherrennt, sondern seiner Berufung folgt.

Das eigene Unternehmen
Glover beantragt beim Ghana Cocoa Board (GCB), der nationalen Kakao-Behörde, die für den Export von Kakaobohnen zuständig ist, eine Lizenz für den Umbau auf biologischen Anbau im gesamten Distrikt von Suhum.  Zuerst beisst er auf Granit, doch dank seinem Wissen in rechtlichen Dingen und dem nötigen Verhandlungsgeschick macht er den Verantwortlichen klar, dass sie sich nicht auf ein Recht berufen können, das Entwicklung verunmöglicht. Nach zähem Ringen erhält Yayra Glover Ltd. eine Lizenz als erstes Bio-Kakao-Unternehmen.


Yayra Glover sucht die Dörfer im Suhum-Distrikt auf. Er redet und verhandelt mit den Dorfchefs unter einem Baum. «Ähnlich wie die ehemaligen Landsgemeinden in Appenzell muss man sich das vorstellen», sagt er. Er gewinnt das Vertrauen, überzeugt die Bauern vom Bio-Projekt, für dessen Gelingen es keine Garantien gibt, das aber trotzdem gewagt werden muss. Kants Mündigkeits-Philosophie – «Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit» – ist in Glovers Kopf dabei immer präsent.


«Afrika», ist Yayra Glover überzeugt, «braucht nicht viel, um das zu erreichen, was Europa hat. Afrika kann sich entwickeln und vorwärtskommen, wenn es Projekte fördert, die auch den einfachen Leuten Arbeit und Aufstiegschancen bieten.» Glover will dieses neue Afrika als Afrikaner mitgestalten. Dafür nimmt der Schweizer aus Schwarzafrika viel auf sich: Übervolle und aufreibende Arbeitstage, die Abwesenheit von seiner Familie und immer wieder: viele Stunden im Stau.